JOACHIM SEYFERTH VERLAG
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SCHIENEonline!

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Zitat

„Der CDU-Landtagsabgeordnete Fischer hat angeregt, stillgelegte Strecken der Bundesbahn in Hessen im Interesse der Erhaltung von Niederwild und Vögeln zu Feldgehölzen umzugestalten. Ein auf solche Weise praktizierter Naturschutz sei nicht nur wegen des ökologischen Effekts interessant, meint Fischer; aus 'toten Bahndämmen' könnten 'grüne Hügel' werden, die sich dann wieder 'störungsfrei' in das landschaftliche Gesamtbild einfügten.“

(Zeitungsmeldung des "Wiesbadener Kurier" vom 17. Oktober 1981)


So!


Wende statt Wände!

Von Joachim Seyferth


„Bevölkerung wirksam vor Krach schützen“
(Schlagzeile einer Pressemitteilung des Bündnisses „Allianz pro Schiene“)
„Wer auf der Schiene fährt, muss auch für lärmarme Züge sorgen.“
(Gerhard Lorth, ehemaliger CDU-Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen)
„Wir müssen im Lärmschutz besser werden, um uns die gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern.“ (Roland Heinisch, ehemals Mitglied des Vorstandes der DB AG)


Drei Zitate aus dem Jahre 2007 – die einen betrieben Rufmord, der andere hob den Zeigefinger und die DB machte den Kniefall. Geändert hat sich am Duktus dieser Aussagen seither nichts, obwohl die Eisenbahn seither wesentlich leiser geworden ist. Jeder – auch aus den eigenen Reihen – drischt aber nach wie vor auf die so genannte „Bahn“ ein und entwirft mit zugehaltenen Ohren ein selbstgerechtes und übertriebenes Horrorszenario, wie es nur Gesellschaften entwerfen können, die von Visionsverzicht, Ignoranz gegenüber dem Wesentlichen sowie von Gehirnwäschen unterschiedlichster Art gebeutelt sind.

Jahrzehnte, nein ganze Jahrhunderte war die Eisenbahn viel lauter als heute: Die längste Zeit donnernde Auspuffschläge klimaschädlicher Dampflokomotiven, gepaart mit zischenden Zylinderhähnen und ohrenbetäubenden Sicherheitsventilen. Dazu quietschende Klotzbremsen, metallschlagende Schienenstöße, hämmernde Flachstellen, Tunnelpfiffe, Lautsprechergeplärre in den städtischen Bahnhöfen rund um die Uhr, röhrende Dieselloks, knatternde Schienenbusse, schaltwerkknallende Elektroloks, hemmschuhkreischende Rangierbahnhöfe. Selbst die alten Signale machten klappernde Geräusche.

Niemand hatte sich beschwert. Und ausgerechnet heute, im Zeitalter summender S-Bahnen und Leichttriebwagen, gedämpfter Laufwerke der ICE und Doppelstockwagen, wesentlich leiserer Drehgestelle einschließlich Flüsterbremsen an alten und vor allem neuen Güterwaggons sowie Drehstromlokomotiven, die geräuschloser als ein klapperndes Fahrrad oder ein gewöhnliches Auto daherkommen, hat man den „Bahnlärm“ entdeckt!? In den letzten Jahrzehnten sind die Bahnen – abseits und unbeeindruckt von lautstarken Protesten der Öffentlichkeit – nahezu von ganz alleine leiser geworden und ausgerechnet jetzt fordert man zunehmend Lärmschutzwände oder die Verbannung der Eisenbahn in neue Tunnel.

Also: Früher war die Eisenbahn viel lauter und niemand hat geklagt. Heute ist die Eisenbahn viel leiser geworden und alle schreien. Da stimmt doch etwas nicht!!

Nein, das Ganze ist „rational“ nicht erklärbar, sondern hat soziologische und psychologische Hintergründe, denn die Spannweite zwischen berechtigten Einwänden und hanebüchenen Ansichten, zwischen Fakten und Fehlinformationen sowie zwischen historischem und aktuellem Bezug zur Eisenbahn ist beim Thema „Bahnlärm“ so groß, dass man statt eines Kommentars ein dickes Buch darüber schreiben könnte:

In der nach wie vor deutschen Autogesellschaft (das aktuelle Frohlocken rund ums Elektroauto lässt grüßen!) ist die Eisenbahn bislang immer noch zu einem marginalen Verkehrsmittel verdonnert, aller nunmehr bereits ein halbes Jahrhundert währenden Umwelt- und Klimaschutz-Diskussionen zum Trotz. Im urbanen Umfeld mag die Schiene ein bescheiden steigender Bestandteil täglicher Nutzung sein, doch in zahlreichen Landstrichen hatte gerade das Täterduo Politik/Bundesbahn mit seinen Streckenstilllegungen und anderen Reduzierungen viel dazu beigetragen, die Bevölkerung von der Eisenbahn zu entfremden. Während die Bahn früher ein integraler Bestandteil des täglichen Lebens war (Pendeln, Urlaubsfahrt, Arbeitsplatz, Lieferant von Expressgut, Stückgut und Wagenladungen vor Ort), fährt sie heute verschlankt und ignorant an vielen Menschen und Firmen vorbei oder ist  überhaupt nicht mehr existent. Und wenn dann dieses für viele nutzlos gewordene Ding auch noch überflüssigerweise Geräusche macht, soll es tunlichst verschwinden – hinter Mauern, unter die Erde oder eben ganz weg.

Etwas ketzerisch könnte man im Umkehrschluss daher gar fragen, ob es noch eine Bahnlärm-Diskussion gäbe, wenn einige Anwohner wieder von der Bahn profitieren würden, etwa durch gezielte und forcierte Vermietung von Hotelzimmern oder Ferienwohnungen an in- und ausländische Eisenbahnfreunde, die zurzeit noch in vergleichsweise kleinen Scharen das Mittelrheintal wegen der mannigfaltigen Züge auf beiden Rheinseiten besuchen. Oder/und durch eine innovative Verknüpfung des nahen Bahnmuseums in Koblenz-Lützel mit neuen Sonderzug-bzw. Touristik-Konzepten im Mittelrheintal. Zumindest machen es einige Bahnen wie zum Beispiel die Harzquerbahn oder die schweizerische Rhätische Bahn vor, wie man die Eisenbahn zum Nutzen aller in eine Region einbettet und die Schiene sogar zum dauerhaften Fremdenverkehrs- und Ferien-Magneten macht. Gibt es dort etwa Bahnlärm-Diskussionen, verschmierte Lärmschutzwände und Forderungen, die Züge in Tunnel zu vergraben?


Ohne Worte                                                                    Foto (Mainz-Kastel, 5. Mai 2013): Joachim Seyferth


Doch explizit im Mittelrheintal, wo der Groll um den „Krach“ der Bahn am größten ist, ist eben jene Entfremdung von der Eisenbahn ohne neuen Nutzen und ohne zukünftige Konzepte gut zu beobachten: Die Schiene ist auch hier vom lokalen Dienstleister zum Durchgangsverkehr mutiert, kaum spürbare Vorteile bietet allenfalls der Fahrplantakt der Regionalzüge. Alles andere rauscht und saust durch, kein Fahrkartenschalter ist mehr geöffnet, kein Eisenbahner mehr zu sehen. Verschwunden ist aber auch die ehemals wirklich laute Akustik der Eisenbahn – als beliebiges Beispiel sei nur der einst im Nahverkehr eingesetzte „Knallfrosch“ der Baureihe 141 genannt, dessen lautes Schaltwerk ausgerechnet innerhalb der Ortschaften am meisten in Tätigkeit gesetzt wurde. Entgegen aktuellen Verlautbarungen ist auch die tägliche Gesamtzahl der Güterzüge im Mittelrheintal nicht etwa gestiegen, sondern gegenüber den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts eher konstant geblieben oder sogar gesunken – einzelne Güterzugpausen von einer halben Stunde oder mehr sind keine Seltenheit und durchgängiges Fahren im Blockabstand in den nächtlichen Stunden zwischen 22 und 5 Uhr (so wie in den 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts) ist auch nicht mehr Realität.

Dennoch soll die Eisenbahn auch und gerade hier hinter weiteren Lärmschutzwänden verschwinden, weil ihr Sinn und ihre Berechtigung nicht mehr adäquat eingeschätzt wird und weil die Gesellschaft zumindest bis zur Corona-Pandemie, der anschließenden Ukraine-Krise und den (noch lange andauernden) Herausforderungen des vom Menschen extrem beschleunigten Klimawandels zunehmend aus Weicheiern und Seifenteddys bestand, die nur noch Vorteile genießen, aber keinerlei Härten mehr ertragen konnte. Selbst bei zusätzlichen „Ortsumgehungen“ nur für Güterzüge und Fernzüge des Reiseverkehrs (die bestehenden Trassen müssen für den Regionalverkehr ja bestehen bleiben) ist im Mittelrheintal nicht garantiert, dass die Anwohner den geringer werdenden Geräuschpegel der verbliebenen Züge bei voraussichtlich verdichteten Taktfahrplänen auch akzeptieren. Denn paradoxerweise wird dagegen dem kilometerweit hörbaren „Wochenend-Sound“ von Motorrädern im Mittelrheintal weitgehend gehuldigt, während bei Protestveranstaltungen zum Thema Bahnlärm die mitlaufenden Kinder von ihren Eltern gelehrt bekommen, sich auch bei einem heutzutage ziemlich geräuscharm vorbeifahrenden Triebwagen des Regionalverkehrs demonstrativ die Ohren zuzuhalten!

Wer im Mittelrheintal unterwegs ist und insbesondere auf die hiesige Akustik achtet, wird in den Ortschaften schnell feststellen, dass die Geräuschemissionen der Züge zum weit überwiegenden Teil nur auf die unmittelbar nahe den Gleisen befindlichen Häuser treffen und dass die große restliche und wegen beengten Platzverhältnissen meist dichte Bebauung vom „Zuglärm“ jedoch bereits stark abgeschirmt ist. Spätestens in der zweiten innerörtlichen Parallelstraße zur Bahnstrecke ist die Akustik der Züge nur noch als leises Rauschen vernehmbar, in den Ortskernen so gut wie überhaupt nicht mehr. Bei ansteigender Lage in den Flanken der Berghänge von Hunsrück und Taunus sind die Zuggeräusche zwar nicht mehr so abgeschirmt wie in den meisten Teilen der Ortschaften „unten im Tal“ zu hören, wegen des größeren Abstands zu den Gleisen (örtliche und gegenüber liegende Rheinstrecke) wird ihr Geräuschpegel nun jedoch zunehmend geringer.

Für den überaus größten Teil der Bebauung im Rheintal kann also festgestellt werden, dass zum Lärmschutz der heute übliche und gute Stand der Fenstertechnik in puncto Schallisolierung auch für Züge völlig ausreicht. Problematisch ist in der Tat lediglich die direkt an den Schienen befindliche „Gleisseite“ der Häuser, welche sozusagen bereits als steinerne „Lärmschutzwand“ für die hintere Bebauung fungieren. Dieser schmale Bereich allein rechtfertigt jedoch nicht den Aufwand und die Kosten für die herkömmliche und „brutale“ Form von Lärmschutzwänden – hier sind intelligentere und in kultureller Hinsicht gerade im touristisch frequentierten Mittelrheintal ästhetische Lösungen erforderlich. Denkbar wären hier eine (wie bereits weiter oben angedachte) verminderte Nutzung der Gebäude-Gleisfront als Wohnraum bzw. deren andere Vermarktung (z. B. Werkstatt-, Ausstellungs- oder Lagerräume) oder in Einzelfällen – etwa bei ebenerdigen Restaurant-Terassen wie beispielsweise in Bacharach – tatsächlich gläserne Lärmschutzwände oder gar kurze und ebenso durchsichtige Lärmschutztunnel, deren regelmäßige und sorgfältige Reinigung natürlich garantiert sein müsste (allerdings eine eher optimistische Einschätzung). Und im Sinne von gegenseitigen Kompromissen könnte innerhalb besonders enger Ortsdurchfahrten sogar das DB-Tabu der Zuggeschwindigkeiten „aufgeweicht“ werden, so bei Güterzügen mit noch nicht lärmarm umgerüsteten Fahrwerken.



Protestplakate in Kaub                                                         Fotos (21. September 2017): Joachim Seyferth


Tatsache ist jedenfalls, dass das Thema „Bahnlärm“ im Mittelrheintal nach wie vor auf der aktuellen Agenda steht. Tatsache ist auch, dass die Eisenbahn in dieser Region bereits in der Historie einen schweren Stand hatte, denn hier ist man seit jeher dem Wasser und der Schifffahrt zugeneigt, die Schiene trat als Konkurrent auf. Wie ein roter Faden setzt sich die Skepsis beispielsweise der Rüdesheimer durch die gesamte örtliche Eisenbahngeschichte fort, wie die „Notizen aus dem Stadt-Archiv“ des Rüdesheimer Stadtarchivars Rolf Göttert belegen: „Als am 9. August 1856 um 9.25 Uhr der erste fahrplanmäßige Eisenbahnzug an der provisorischen Endstation neben dem Rüdesheimer Adlerturm einrollte, gab es weder Böllerschüsse noch Freudenfeiern. Die Lokalpresse nahm nur wenig Notiz von diesem Ereignis und veröffentlichte lediglich den neuen Fahrplan, sowie eine herzogliche Bahnpolizei-Verordnung, wonach u. a. das Reiten auf den Gleisen strengstens untersagt war. Die Rüdesheimer wußten nicht so recht, was sie von der neuen technischen Errungenschaft halten sollten. War diese nun die Anbindung an ein weltweit wachsendes Schienennetz? Brachte sie den sehnlichst erwarteten Aufschwung für Gewerbe und Weinhandel, sowie einen spürbaren Zustrom von Touristen? Oder drohte durch die Eisenbahn vielen Rheinschiffern der Ruin? Wurde nicht die malerische Rüdesheimer Rheinfront verschandelt?“

Diese Skepsis mit verblüffend aktuellen Parallelen saß und sitzt tief, übrigens auch im benachbarten Wiesbaden, das selbst heute eine schienenfeindliche Großstadt geblieben ist. Abgesehen davon, dass der Rüdesheimer Weinhandel lange Zeit nach wie vor die Schifffahrt bevorzugte, weil deren Frachtsätze billiger waren, konnte man sich einfach nicht damit abfinden, dass das Rheintal zu einem der belebtesten Verkehrswege Europas geworden war – bereits 1912 forderte die „lärmgeplagte“ Gemeinde, die Eisenbahn in einen Tunnel zu verlegen. Die beiden Weltkriege vereitelten diesen sowie andere Tunnelpläne, die in jüngster Zeit wieder reanimiert wurden. Heute ist das Städtchen die Zentrale für Bahnlärm-Demonstrationen, die Trillerpfeifen der Teilnehmer übertönen jeden Güterzug, Bahnübergänge werden blockiert, Ohren beim leisesten Elektrotriebwagen demonstrativ zugehalten. „Tempolimit!“ und „Tunnel!“ steht auf den Transparenten. In den Köpfen jedoch steht: „Bahn ganz weg“.

Ganz so, als wolle man zu Recht das gewachsene Landschaftsbild im Mittelrheintal nicht durch sichtbare Elemente des Lärmschutzes stören, sind bis auf eine 1200 Meter lange und acht (!) Meter hohe Lärmschutzmauer für betuchte Neubürger am Bahnhof Bingen Stadt im Kernabschnitt von Bingen/Rüdesheim bis St. Goar/St. Goarshausen noch so gut wie keine Lärmschutzwände entlang der beiden Strecken im Mittelrheintal installiert – weiter östlich Richtung Mainz/Wiesbaden sowie Koblenz/Niederlahnstein stehen sie aber schon zuhauf. Kleinere Maßnahmen wie etwa Schienensteg-Dämpfer sind u. a. in Assmannshausen installiert. Das reicht den Bürgerinitiativen freilich nicht, sie fordern weitere Wände, Tempolimits, Nachtfahrverbote, Umgehungsabschnitte und Alternativtrassen; mehrmals im Jahr gibt es Demonstrationen und Kundgebungen. Der Verein „Pro Rheintal“ versteift sich laut seinem Internetauftritt gar auf weitere rigorose Maximalforderungen: „Bürgerinitiativen sollten sich nicht in technische Diskussionen einmischen, denn alles verstehen heißt alles verzeihen. Darum bleibt bei euren Grundsatzpositionen: Güterstrecken gehören raus aus Wohngebieten und alles, was über 45 dB (A) geht, darf nachts nicht fahren. Aus und Schluss.“

Und „Pro Rheintal“ sowie die anderen Bürgerinitiativen haben aus ihrer Sicht zumindest weitere Teilerfolge, denn jüngst am 30. Januar 2023 waren wieder Vertreter aus Politik, Landesbehörden und DB „vor Ort“ und verkündeten für 130 Millionen Euro den Bau weiterer Lärmschutzwände für zwanzig Kommunen im Bereich zwischen dem rheinland-pfälzischen Leutesdorf und dem hessischen Eltville – Gesamtlänge 27 Kilometer! Symbolisch tätigten die „hohen Tiere“ dann auch gleich den ersten Spatenstich zum sofortigen Baubeginn in den sechs Ortschaften Weißenthurm, Brey, Rüdesheim, Oestrich-Winkel, Hattenheim und Erbach. Da in einigen dieser Orte jedoch bereits Lärmschutzwände vorhanden sind, wird dies praktisch die Einhausung der Bahn auf der jeweils ganzen Ortslänge mit der Beseitigung noch vorhandener „Sichtlücken“ bedeuten. Sowohl Anwohner als auch Fahrgäste starren dann auf neue, aber schnell verschmutzte und verschmierte Mauern. Zusammen mit anderen beteiligten Politikern befindet sich auch Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grünen, hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen) im Rausch der Wände: „Ziel sollte weiter sein, spätestens im Rahmen der geplanten Generalsanierung der rechten Rheinstrecke noch Mitte der zwanziger Jahre Lärmschutzmaßnahmen für weitere Kommunen umzusetzen.“


Protestplakat in Kaub                                                                         Foto (13. Juni 2022): Joachim Seyferth


Ende der 1980er-Jahre wurde in Deutschland eine riesige Mauer niedergerissen, doch seitdem sind ungezählte neue Mauern entstanden – die an unseren Schienenstrecken. Ihre Nebenwirkungen sind gravierend, geht mit ihnen doch ein wie in vielen anderen Lebensbereichen zu beobachtender hoher kultureller und ästhetischer Verfall einher: Unser wichtigstes Verkehrsmittel der Zukunft wird versteckt, verleugnet, optisch begraben (aus den Augen, aus dem Sinn) und seine Fahrgäste erleben das Zugfenster zunehmend als Folterinstrument. Kein Wunder, dass sich die „Erlebniswelt“ der Reisenden nur noch auf das Fahrzeuginnere und mitgeführte Unterhaltungs- und Arbeitselektronik jedweder Art beschränkt – bereits jetzt wird der Austausch von Scheiben gegen gleich große Bildschirme diskutiert, weil die verbliebenen Reisenden, die einfach nur aus dem Fenster schauen wollen, von der Mehrheit der displayfressenden Fahrzeuginsassen als bemitleidenswerte Minderheit und Exoten angesehen werden!

Spätestens an dieser Stelle ist es geboten, sozusagen als „Zwischeneinwurf“ die folgenden übergeordneten Sachverhalte und Erkenntnisse zu erwähnen:

Es gibt von allem zu viel! Hervorgerufen durch zu viele unvernünftige Menschen, die mittlerweile weit mehr verbrauchen und produzieren als der Planet und seine Natur verkraften oder ausgleichen können. Dem erdgeschichtlich normalerweise sehr langsamen und allmählichen Klimawandel, an den sich bislang die meisten Organismen gut anpassen konnten, wird keine Zeit mehr gelassen, denn die vom Menschen verursachte zusätzliche und vor allem schnelle Erderwärmung innerhalb des Wimpernschlags von nur zwei Jahrhunderten wirkt bei der folglichen schnellen Erderwärmung im wahrsten Sinne des Wortes wie ein extremer Brandbeschleuniger. Zudem sind wir als schlimmstes Raubtier von einer ausgeglichenen Kreislaufwirtschaft weiter entfernt denn je und inzwischen gibt es mehr vom Homo sapiens produzierte und somit überwiegend künstliche Gegenstände als Lebewesen auf dieser Erde. Unsere einzige Heimat wird geplündert und geschändet sowie vermüllt und vergiftet – und schon erdreisten wir uns, dieses blaue Juwel nicht nur mit millionenfachem Weltraumschrott zu ummanteln, sondern in gleicher Weise und Dekadenz auch noch andere Himmelskörper zu okkupieren: Auf dem Mars war zuerst nicht etwa der Mensch, sondern er wurde zunächst und sehr bezeichnend ausgerechnet von einem Auto beglückt! Aber was hat das mit unserer kleinen Lärmschutzwand zu tun?

Explizit kleine und wirtschaftsstarke Länder wie eben auch Deutschland werden wie eine riesige noppenbestückte Legoplatte behandelt, die nach Belieben zugebaut wird und somit im Laufe der Zeit einen eklatanten Platzmangel aufweist. Alles wird verdichtet, alles rückt sich auf die Pelle, alles Viele wird noch mehr und mehr. Die Überflussgesellschaften dieser Länder vergnügen sich mit immer mehr adipösen SUVs, mit zweitausendvierhunderteinundsiebzig verschiedenen Joghurtsorten, mit dreihundertneunundachtzig Fernsehkanälen, mit mehr Smartphones als jeweilige Einwohner, mit zu viel Zucker, mit zu viel Beton, mit zu viel Kleidung, mit zu viel Fleisch und mit immer mehr Hunger nach Energie. Und sie sind extrem erfolgreich darin, auch zu viel Abfall, zu viel Bürokratie, zu viel Landfraß, zu viel Verkehr, zu viel nutzlose Information und zu viele Krankheiten zu produzieren, zu dulden und zu verdrängen. Und damit zwangsweise einhergehend werden sie neben sinkenden Werten und schwindender Besinnung eben mit immer weniger Platz malträtiert. Die Legoplatte ist zugebaut und zugemüllt, schon lange werden lästige Materie und Probleme an bemitleidete und vermeintlich arme Spielwiesen der Welt exportiert. Aber was hat das alles mit unserer kleinen Lärmschutzwand zu tun??

Auf der Legoplatte meinen so gut wie alle, es gut zu meinen. Jeder ist bestrebt, das Leben und die Dinge in seinem eigenen Kosmos zu angenehm wie möglich zu gestalten, zu optimieren, zu perfektionieren, zu digitalisieren, zu novellieren, zu rationalisieren. Alle meinen es gut, alle wollen mit sehnsüchtiger Inbrunst das Paradies und den Himmel auf Erden erreichen und laufen dabei in der Kumulation ihres Denkens und ihrer Handlungen Gefahr, eine Hölle zu erschaffen. Das angestrebte Maximum beschert uns in Wirklichkeit ein Minimum. Ein typisches Beispiel für diesen Höllenritt sind diese entsetzlichen Laubbläser, die für gut gemeinte „Sauberkeit“ sorgen sollen: Sie verlärmen extrem laut und stundenlang ganze Wohnviertel, verpesten die Luft, verwirbeln Staub sowie Kleinsttiere und richten somit weit mehr Schaden als Nutzen an. Sauber sind hier nur die Bilanzen der Reinigungsfirmen und der Hersteller derartiger Folterinstrumente.

All das hat auch mit unserer kleinen Lärmschutzwand sehr viel zu tun. Sie ist ein weiterer Baustein auf der Legoplatte, auf der es von allem zu viel gibt. Sie ist verkappte Symptombekämpfung, denn auch Lärm muss an der Wurzel, an der Quelle bekämpft werden (übrigens einer der wenigen Pluspunkte für das Elektroauto mit zukünftig wesentlich leiserem Straßenverkehr).

Und so bleibt nach diesem „Zwischeneinwurf“ nur das Fazit: Lärmschutzwände sind überflüssig! Nicht nur, weil sie hässlich, teuer, sofort sinnlos und infantil verschmiert sowie eine infame Sichtbehinderung für die Reisenden sind (ergo eine Schande für die Reste vorhandener Reisekultur auf Schienen), sondern weil sie die Bahn wegsperren, abschotten und gesellschaftlich negieren – eben „aus dem Auge, aus dem Sinn“. Grundsätzlich sollte sich jedes Verkehrsmittel offen und ehrlich mit seinen akustischen Emissionen zeigen – nicht nur, weil dies die beste Triebfeder für wirkliche Lärmbekämpfung an der Quelle und Wurzel wäre, sondern weil dies der Preis unserer Mobilität und ein nicht zu verleugnender Bestandteil unserer industriellen Zivilisation ist, der nicht mit der Folge weiterer Probleme kaschiert werden sollte. Wir ziehen ja auch keine Mauern um die quirlende Akustik von Spielplätzen, Schulhöfen oder Sportstätten, eben weil sie das Leben sind. In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die zunehmende Untertunnelung des Schienenverkehrs aus vermeintlichen Lärm- bzw. Schallschutzgründen anzuprangern, ein historischer Fehler übrigens auch bei den U-Bahnen der Städte: Nicht der umweltfreundliche, vergleichsweise leise und kollektive ÖPNV hätte unter die Erde verbannt werden dürfen, sondern die Plage des lauten und platzfressenden motorisierten Individualverkehrs, die unsere Städte und Ortschaften so lebensfeindlich und hässlich gemacht hat!

Die beste Lärmbekämpfung ist ohnehin Verkehrsvermeidung, übrigens bei allen motorisierten Verkehrsmitteln! Die zweitbeste sind leisere Motoren und Fahrwerke. Die drittbeste bezüglich der Eisenbahn ist nach wie vor stete Überzeugungsarbeit für ein in der Relation leises und freundliches, ja beinahe sinnliches Verkehrsmittel: Der akustische Normalzustand der Schiene ist Ruhe, der der Straße ist unablässiger an- und abschwellender Lärm, eine Karre nach der anderen. Bei Letzterem schreit jedoch keiner laut nach Lärmschutzwänden, man hat gar den flauschigen Begriff des „Lärmteppichs“ für diesen ewigen Terror erfunden. Wie schön – derlei selbstverliebte Ignoranz hat die im besseren Sinne des Wortes „kleinlaut“ gewordene Eisenbahn nun aber wirklich nicht nötig. Man sollte ihr mehr denn je einen besseren Teppich ausrollen. Denn sie und die Welt brauchen keine Mauern mehr – Wende statt Wände!


So!


Zitat

„Der kritische Verbraucher benützt – wo immer die Möglichkeit besteht – die öffentlichen Verkehrsmittel, da ausser der Bequemlichkeit nichts für, sondern alles gegen den Individualverkehr spricht.“

(Hans A. Pestalozzi in seinem 1980 erschienenen Buch „Nach uns die Zukunft – Von der positiven Subversion“)

Link zur Wikipedia-Seite über Hans A. Pestalozzi:   https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_A._Pestalozzi


So!


Flugbahn ohne Kurve

Dieses Kurz-Essay von Joachim Seyferth erschien erstmals in der Ausgabe 6/2002 von „Leonardo“, dem Magazin für Umwelt und Verkehr des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS). Zu dieser Zeit orientierte sich die Deutsche Bahn auffällig stark am Luftverkehr – eine Sichtweise, die mittlerweile ein wenig reduziert wurde. Dennoch sind weitere Aspekte dieses Textes immer noch relevant und diskussionswürdig:


Die Bahn – Hure der Luftfahrt?         (Eigenwerbung im Zugabteil, Aufnahme vom 22. September 1988)


Die Eisenbahn wollte schon immer ein Flugzeug sein. Symbole wie das historische Flügelrad, Fahrzeugtechnik wie der propellergetriebene Schienenzeppelin, Namen wie „Fliegender Hamburger“ und aktuelle Werbebotschaften wie der DB-Ausspruch „Flughöhe Null“ belegen dies. Rührt das ewig mangelnde Selbstbewusstsein der Eisenbahn und Eisenbahner vielleicht gar daher, dass man immer am Boden bleiben musste?

Wenn schon nicht in die Luft, dann wenigstens immer geradeaus: Die Pfeile der Neuzeit heißen TGV oder ICE und jagen keine Materie mehr, sondern die Zeit. Auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke Köln – Rhein/Main hat jetzt der Wettlauf mit der parallelen Autobahn begonnen, doch das Ausreizen der Zeitspirale ist nicht fair: Die Schiene ist nur ein undankbares Überlaufventil der Straße, eine vierte und fünfte Autobahnspur mit „Fester Fahrbahn“, ein verzweifelter Bypass einer kranken Verkehrspolitik.

Die naturentrückten Wege der neuen Flugbahn gleichen dem Lineal der Planer, unvermeidliche Kurven mit riesigen Halbmessern sind hier nichts anderes als beleidigte Geraden. Doch der Verlust der Kurve ist symptomatisch für die aktuelle Reisekultur auf Schienen: Die Gerade produziert aussichtsloses Fahren in der optischen Röhre und gnadenlose Effizienz bei „Bordverpflegung“ und Fahrpreisen. Der Verlust der Kurve ist gleichsam eine Metapher für den Verlust von Flexibilität, Spannung, Innehalten, Ästhetik, Weiblichkeit – Attribute eines einst angestrebten sanften Verkehrs. Die derzeitige Rolle der Schiene aber ist eine tragische: Ein Verkehrsträger besitzt unzählige ökologische, ökonomische und kulturelle Potenziale – und macht nichts daraus.

Es wird höchste Eisenbahn, dem wohl schönsten und humansten Verkehrsmittel seine suizidale Selbstverleugnung auszutreiben, es zwischen den neuen „Airrail-Centern“ als anbiedernden Steigbügelhalter für einen verheerenden Flugtourismus auf den Boden der eigenen spezifischen Systemeigenschaften zurückzuholen, ihm seine Kurven wiederzugeben: Wagen, in den denen man (wieder) speisen, tanzen, schlafen, lesen und leben kann – für die mobile Käfighaltung sind schließlich Auto und Flugzeug zuständig; Fahrpreise, die transparent und bezahlbar sind; Strecken, die das Auge nicht mit endlosen Lärmschutzwänden ermüden, sondern mit den zahllosen Entdeckungen hinter jeder neuen Kurve begeistern.

Die Bahn sollte sich ganz einfach ein Beispiel am Universum nehmen. Es soll gekrümmt sein.


So!


Tabu Tourismus?

Von André Heller


Anlässlich des 1. Internationalen Forums für Tourismus im Jahre 1989 – organisiert von der Schweizerischen Verkehrszentrale Zürich – hielt der österreichische Künstler André Heller ein Referat mit dem Titel „Was der Fremdenverkehr aufgrund der Phantasielosigkeit seiner Verantwortlichen zum Weltuntergang beiträgt“. Seine Gedanken zu diesem Thema sind auch heute aktueller denn je, denn die weltweit ausufernde Mobilität ist „dank“ der Innovationsarmut bei motorisierten Fahr-, Schwimm- und Flugzeugen und der Zersiedlung und Umgestaltung von Lebens- und Naturräumen zu einem exorbitanten Umweltproblem geworden. Ob ein „sanfter Tourismus“ die Schreckensvisionen Hellers mildern hilft, hängt auch von der Gestaltung eines vernünftigen und humanen Schienenverkehrs ab, der sich nicht gnadenloser Effizienz und Luxusbefriedigung, sondern wichtigeren und höheren Zielen verschrieben fühlen könnte.

André Heller hatte den Text seines Referates seinerzeit zur weiteren Verbreitung allen interessierten Redaktionen aus der Medienwelt unentgeltlich zur Verfügung gestellt – somit wurde seine Arbeit auch dankbar (Reisekultur!) in der SCHIENE-Ausgabe 6/1989 veröffentlicht. Auch nach über dreißig Jahren und gerade in diesen Zeiten der kulturellen und ökologischen Umbrüche ist sein Artikel (mit der seinerzeit empfohlenen Rechtschreibung) eine erneute Veröffentlichung wert – angereichert mit einigen Fotos, die das sehr weitläufige Thema Tourismus allerdings nur sehr fragmentarisch bzw. selektiv widerspiegeln können:


„Die in diesem Raum Versammelten wissen, daß der Tourismus mit einem Umsatz von 2000 Milliarden Dollar das größte Industrieunternehmen des Planeten Erde ist. Als Arbeitgeber für 100 Millionen – mehr und sehr häufig auch weniger – qualifizierter Dienstleistender ist er ebenfalls in der Beschäftigungs-Statistik unübertroffen.

Zumindest den Fachleuten allgemein bekannt ist weiters, daß von dieser Tourismus-Industrie fortgesetzt verheerendere Gefahren für unsere Lebensgrundlagen ausgehen als von den gesamthaften Tschernobyl-Industrien. Das freie Reisen gehört zwar zu den großen Errungenschaften der Demokratie, aber die demokratischen Grundrechte verlieren ihre Priorität, wo sie zur Zuhälterei des Weltuntergangs ausarten.

Ebenso wenig wie ein Rosenstrauch von der Schöpfung dafür eingerichtet wurde, einer rabiaten Heuschreckenplage als Kost und Quartier zu dienen, wurden die Kontinente und Meere von ihrer ökologischen und soziologischen Statik als Bedürfnisanstalt für die grölende Ausflugsnotdurft einer Menschheit geschaffen, deren philosophisches Idol seit langem der Elefant im Porzellanladen ist. Selbst von unbegrenzten Wachstumsträumen korrumpierte Politiker und fortschrittsgläubige Lemminge aller Nationalitäten beginnen sich langsam unter dem Druck einer zu Recht panischen Basis mit der Frage 'Gibt es in Zukunft noch ein achtenswertes Leben vor dem Tode?' zu beschäftigen.


Madeira-Tourismus: Einerseits mit klimafreundlicher Seilbahn, andererseits mit energiefressenden Kreuzfahrtschiffen.

Quelle: Von Hedwig Storch - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3831670


Als hilfreiches und sehr besonderes Phänomen und in all dem Schrecken eine Art von merkwürdiger Qualität muß gelten, daß die Folgen des Treibgases oder des sauren Regens, der Automobilisten-Vertrottelung und Radioaktivitäten nicht vor den Besitzenden Halt machen. Auch die Kinder von Millionären und Milliardären bekommen bei Smog-Orgien Erstickungsanfälle, auch die Sonnenbestrahlung von karibischen Luxus-Ghettos führt mangels Ozonschildern zu Hautkrebs.

Man redet also auf Konferenzen und allerlei hohen Ebenen, gegeißelt von Umweltschutzorganisationen jeglicher Art über gesicherte, erschütternde Tatsachen. Und in fröstelnder Betrachtung der Kluft zwischen Erkenntnis und daraus resultierender Konsequenz wird mancherorten sogar in Andeutungen gehandelt. Aber fast alles halbherzig und in immerwährender Rücksicht auf diejenigen, die man statt dem unfeinen Ausdruck „Erpresser“ mit dem feineren Wort „Lobbies“ bezeichnet und deren tödliche Ignoranz verhindert, daß sie hinter Bilanzen die Schreckensbilanzen sehen.

Das große allerletzte Tabu unserer Gesellschaft ist tatsächlich der Tourismus. Mir ist kein bedeutender weltlicher oder kirchlicher Regierungschef bekannt, der laut und unmißverständlich erklärt hätte, daß der Verkrüppelung der Erde durch generelle Flughafen-Baustopps, durch radikale Autobahn-Verringerungen, durch Verbote von Gletscher-Schiliften und Baumschlägerungen für Hotelgemeinheiten in jeder Höhe und jedem Ausmaß, um nur einiges zu nennen, begegnet werden muß.

In den Wassern des Barriere Riffs, als Beispiel, wurde ein monströser schwimmender Neckermann-Wohncontainer mit Tennisplätzen und anderem Schwachsinn für tausende Möchtegern-Taucher verankert. In Afrika und Asien wurden zu Ehren von Devisen die ältesten Kulturorte in Prostituierten-Kaschemmen verklemmter und sich auf das barbarischste, kolonialistisch gebärdender Seelentroglodyten verwandelt. Die in Jahrtausenden gewachsene Eigenart einzelner Völker und Stämme mutiert in wenigen Monaten durch den Einfluß der Reisebüros, und gesponsert durch die verheerende Not in der Dritten und Vierten Welt, in eine glanzlose Anbiederung an das Portemonnaie ewig nörgelnder Sommer- und Winterfrischler, die zwar bei sich zu Hause häufig nur alle drei Wochen die Bett- oder gar Leibwäsche wechseln, aber auf Abenteuer-Urlaub in Gebieten der Eskimos oder Pgymäen ohne Zögern das Fehlen von Anschlüssen für elektrische Massagebürsten im Iglu oder in der Baumhütte reklamieren.


Fotografierende und filmende Touristen beim Glockenspiel des Neuen Rathauses am Münchener Marienplatz.

Quelle: Von High Contrast - Eigenes Werk, CC BY 3.0 de,  https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15065318


Schon greift der Pestarm des Tourismus nach dem Weltraum, nach Monden und Mars und Jupiter.
Das Reisen, meine Damen und Herren, war ursprünglich eine Tat der Gottsuchenden und später der Handelstreibenden, noch später der Eroberer, und ganz spät eine der Touristen. Man begreift, es kam jeweils Schlimmeres nach. Das Wesen einer Reise war das Erfahren des sogenannten Anderen, denn im Grunde liegt das Wunderbare nicht in dem verborgen, was wir gemeinsam haben, sondern in dem, was uns voneinander unterscheidet.

Umso verurteilungswürdiger ist die Tatsache, daß, wenn Millionen und Abermillionen unterwegs sind, um Unterschiede und Eigenarten von Menschen, Orten und Landschaften zu erfahren, sich eben diese Unterschiede und Eigenarten im Schutt der Vereinheitlichung aufzulösen beginnen. Auch dies ist unumstößliches Gesetz: Der Einfall touristischer Horden führt zur Ausrottung des Schönen. In Rom beispielsweise existiert keine einzige, der Öffentlichkeit zugängliche, Statue mehr, die nicht irgendein Dummkopf besprayt oder durch seinen Namenszug entehrt hätte. Die größten bildenden Künstler der Antike hatten die Demut, ihre vollkommensten Werke nicht zu signieren. Tom Brinkleys aus Glasgow oder eine Andrea Merks aus Bad Greffingen halten sich für bedeutend genug, um einer desinteressierten Nachwelt in Marmor geritzt zu übermitteln, daß ihr verschwitzter Körper sich 1986 im Park der Villa Borghese aufgehalten hat. Mensch gewordene Gipfelkreuze vom Schlag eines Reinhold Messner mißbrauchen die Natur als Onaniervorlage ihrer Ruhmessucht, halten sich zugute, die ihrer Meinung nach letzten Geheimnisse aufzudecken, und wettern dann kokett in Medien gegen ihre eigenen Folgen, die da zum Beispiel sind, daß in einer geheimnislosen Welt, erst vor wenigen Wochen am Montblanc, ein viele Meter hohes Denkmal aus dort gefundenen Konservendosen und Halbschuhalpinisten-Müll errichtet werden konnte.



Sanfter Tourismus ist möglich – mit der eisernen Bahn: Wanderer an der Bergstation der Zahnradbahn von Wilderswil auf der Schynigen Platte (2101 m) im Berner Oberland (Bild oben) und Zug der Montreux Berner Oberland-Bahn (MOB) im verschneiten Rougemont zwischen Gstaad und Montreux (Bild unten).                                                                                 Fotos: Schweizer Verkehrsbüro


Die alte Cole Porter-Devise „anything goes“ ist das Glaubensbekenntnis einer Branche, bei deren perversesten Vertretern man Menschenjagden auf Indios in Amazonaswäldern ebenso buchen kann wie Pilgerreisen in nationalsozialistische Todeslager mit anschließender günstiger Buttereinkaufsmöglichkeit bei den Bauern der Umgebung. Die europäischen, amerikanischen und japanischen Reise-Herrenmenschen plündern unter dem Pseudonym „Urlaub“ alles und jeden und hinterlassen die Maßstäbe ihrer bizarren Geschmacklosigkeit, die Grobheiten ihrer Manieren, die Muffigkeit ihrer gnadenlosen Phantasiearmut. Die Welt, die uns ja – oft genug zitiert – nur geliehen ist von denen, die nach uns kommen, darf nicht von den Auswirkungen der Touristikbranche geschlachtet werden.

Ich plädiere daher, und nur zur Hälfte ironisch, für die Schaffung eines reinen Tourismus-Landes, das all das beinhaltet, was die Tourismusindustrie als Köder verwendet. Wesentliche Museen wesentlicher Städte zeigen schon seit längerem in ihren Sammlungen täuschend echt wirkende Duplikate ihrer größten Kostbarkeiten, da die Gefährdung der Originale durch Geisteskranke, Temperaturschwankungen, Luftverschmutzung und dergleichen von keinem Kustos mehr zu verantworten wäre. Was uns für Michelangelo und Dürer recht erscheint, sollte doch auch für Landschaft und Menschen billig sein. Das sogenannte Replika-Territorium soll entstehen. Eine Musterkollektion von kaleidoskophaft wechselnden Eindrücken mit klimatischen Zonen aller Geschmacksrichtungen. Eiswüsten neben zaghaft aktiven Vulkanen, elektronisch gesteuerte Atlantik-Brandung neben provenzalischen Lavendelfeldern, lawinensichere Tiefschneeabfahrten neben tahitianischen Transvestitenbordellen. Eine Mischung aus Disneyland, Zisterzienserkloster und Club Méditerranée, Vatikan und Kreml, McDonalds und Gault Millau.


Das Mittelrheintal zählt zu den weltweit bekanntesten touristischen Attraktionen, die entsprechende Öko-Bilanz der Besucher ist zweischneidig: Die weite Anreise ausländischer Touristen mit dem Flugzeug ist sehr problematisch, die Belastungen der Umwelt durch die Erkundungen vor Ort mit Bahn und Schiff sind vergleichsweise gering.      Foto (Bahn/Schiff bei Oberwesel, 15. Juli 2022): J. Seyferth


Kurzum, die sonst über alle Kontinente und Meere verteilten Einrichtungen, Aussichten und Absichten auf einem Terrain in etwa der dreifachen Größe der Schweiz zusammengefaßt und als Joint Venture aller bisherigen Tourismusnationen unter Leitung der Welttourismusbehörde, die wiederum, damit alles funktioniert, unter der Leitung eines japanischen Deutschen oder deutschen Japaners zu stehen hat, der seine Millionen Untergebenen zu Sauberkeit, Pünktlichkeit und Herzhaftigkeit anhält.
Dieser Alptraum könnte das Gros der Reiselustigen mit Sonnenuntergängen und Barbecue-Veranstaltungen, Eiffeltürmen und Niagarafällen, Hüttenzauber und Eisstock-Schießen beschäftigen. Und ich behaupte, daß die Mehrheit aller Kunden nach kurzer Eingewöhnungszeit schrecklicherweise damit ihre Vorstellung vom Paradies verwirklicht sähe, solange nur die Kanalisation funktioniert und Gaunereien sich in Grenzen halten. Man könnte Winter- und Sommerdistrikte für Singles planen, koschere Abteilungen und solche, in denen aus Rücksicht auf Fundamentalisten für Frauen das Tragen von Schleiern Verpflichtung ist.

Die radikale Minderheit, zu der auch ich mich zähle, der diese Lösung als Hölle erscheint, könnte ein allgemeines Reisepatent erwerben. Zur Erlangung dieses Dokumentes wäre ein umfassendes Studium mit vielfältigen Prüfungen vonnöten, zu dem allerdings Menschen aller Altersgruppen und aller sozialen Schichten vorbehaltlos zugelassen sind. Man würde hierbei zu einem, die Eigenheiten der jeweiligen Gastländer liebevoll achtenden, Privatgelehrten ausgebildet, dessen Wissensbereich die Botanik und Tierkunde ebenso umfassen würde wie eine Kostümgeschichte der Völker und Einführung in ihre Sprache. Lediglich die Besitzer solch eines Reisepatentes würden in Zukunft einen Begriff von der tatsächlichen Beschaffenheit unseres Sterns haben. Und sie wären die Keimzelle eines künftigen Geschlechts, unchauvinistischer empfindsamer umfassend sinnlich lebender Wahrhaftiger, Förderer des Sonnen-Systems.

Lassen Sie mich aber zum Schluß noch einen völlig anderen Gedanken in die Diskussion bringen, der von einem klugen Mann stammt, den wir den Hl. Augustinus nennen. Er schreibt:

'Et cunt homines admirar lalta montium et ingentes fluctus maris et latissmos lapsus fluminum et oceani ambitum et gyros siderium et relinquunt se ipsum.'

'Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen und verlieren dabei sich selbst.'

Diesen Satz uns allen ins Stammbuch.“


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